Anne Vieth: Wand-, Decken- und Bodenmalereien von Christian F. Kintz, 2011

Christian F. Kintz gelangt in seinen Wand-, Decken- und Bodenmalereien zu einer sehr unmittelbaren Umsetzung ortsspezifischer Strategien. Diese Arbeiten sind nicht nur für einen bestimmten Ort geschaffen und berücksichtigen dessen architektonische wie funktionale Bedingungen, vielmehr kann dieser Werkkomplex deshalb als genuin ortsspezifisch bezeichnet werden, weil die örtlichen Voraussetzungen explizierte konstituierende Elemente der Werke sind. Es ist also kein bloßer Bezug auf die Lichtsituation im Raum, sondern ein unmittelbares Arbeiten mit dem einfallenden Licht. Der Künstler lässt sich ganz und gar auf das Zusammenspiel von architektonischen Strukturen, Licht und Schatten ein. Im Grunde vertraut er das disegno dem Sonnenlicht an, das colore übernimmt er selbst, indem er die Lichtfelder, die sich auf den Raumkonstituenten abzeichnen, farbig ausmalt. So hält Kintz in den „wand’rin’ star“-Malereien einen ganz bestimmten Moment fest und kehrt darin die räumliche und zeitliche Spezifität des Ortes hervor.

Dieses Verfahren wäre ohne zwei paradigmatische Entwicklungen undenkbar: die Konzeptualiserung und Kontextualisierung der Kunst, die sich in den 1960er Jahren zu manifestieren begannen. Die Konzeptkunst räumte der Idee des Kunstwerks Priorität ein und begünstigte künstlerische Ausdrucksformen, die, wie die Arbeiten von Kintz, auf einem vorher festgelegten Prinzip basieren. Für Konzeptkünstler wie Sol LeWitt, Lawrence Weiner und Mel Bochner war das Arbeiten mit den Raumkonstituenten besonders reizvoll, da Wand-, Boden- und Deckenarbeiten – auch heute noch – der konventionellen Form des Kunstwerkes als Objekt und mobiles Exponat nicht entsprechen. Ihre Einmaligkeit trotz Wiederaufführbarkeit und ihre Ephemerität trotz gesicherter, im Zertifikat sprachlich fixierter Existenz, machen diese Arbeiten zu ambivalenten Werken wie sie den Konzeptkünstlern und ihrem kritischen Blick auf den Status des Kunstwerkes entgegen kamen.

Kintz steht mit den „wand’rin’ star“-Arbeiten im Wirkungsbereich dieser Überlegungen. Auch er übergibt dem Käufer kein ‚leicht zu handhabendes’ Werk, das sich problemlos wieder veräußern lässt. Und er geht noch weiter, da er dem Besitzer nicht sagen kann, wie genau das Werk aussehen wird. Kintz entscheidet vor Ort – sowohl über die Form als auch über die Farben der Komposition. Hierin zeigt sich ein weiterer Aspekt konzeptuellen Denkens: die Infragestellung der künstlerischen Autorschaft. Auch Kintz relativiert die Rolle des Künstlers wenn er den ausschlaggebenden Impuls für die Realisierung der in situ-Malereien dem Zufall, präziser der (Licht-)Situation vor Ort überlässt.

 

Installative, also mit dem Raum arbeitende, bzw. auf den Umraum bezogene, Kunstwerke verweisen auf die zweite einschneidende Entwicklung der zeitgenössischen Kunst: ihre Kontextualisierung. Als Kunstform begann sich die Installation seit den 1960er Jahren zunehmend auszubilden und sie kann heute als dominierende Kunstform bezeichnet werden. In ihren Anfängen nahm sie nicht nur eine klare Gegenposition zu der kontextungebundenen Werkkonzeption der Moderne ein, sie reagierte zudem auf die Kontextualisierung des Raumbegriffs. Das bereits in den Avantgarden am Anfang des 20. Jahrhunderts einsetzende Interesse am Raum war in den Environments der 1950er noch deutlich von raumanalytischen Bezügen, aber spätestens in der Minimal Art von kontextanalytischen Tendenzen geprägt. Raumbewusstsein verband sich also zunehmend mit Kontextbewusstsein: Die Reflexion auf die tatsächliche Werkumgebung wurde bereichert durch Überlegungen, die den Raum als ein kontextualisiertes Gefüge begriffen.

Seither machen es sich die Künstler zur Aufgabe, die Wechselwirkungen zwischen dem Werk, seiner Umgebung und Präsentation, aber auch die Verquickung mit den gesellschaftlichen und institutionellen Rahmenbedingungen aufzuzeigen. Dass kein Kunstwerk ohne seinen Kontext bestehen kann, darüber herrscht Konsens. Kintz führt diese Reziprozität allerdings besonders deutlich vor Augen. In den „wand’rin’ star“-Arbeiten wird offenkundig, dass der Kontext das Werk bedingt und das Werk den Kontext nachhaltig verändert. So verwandelt sich das Foyer einer Sparkasse durch Kintz’ Wandmalerei in ein lebhaftes Licht- und Farbenspiel, das die Dynamik des Kommen-und-Gehens und die Transfertätigkeit dieses gesellschaftlichen Ortes wiederspiegelt; ein Treppenaufgang des Berliner Bundespräsidialamtes wird ein Stück weit von seiner historischen Wirkung befreit, wodurch Kintz auch die ideologische Bedeutungsmacht dieses Ortes einer Modifizierung und zeitgemäßen Relativierung unterzieht; und nicht zuletzt durchbricht der Künstler die noch immer wirksame Ideologie des White Cube im Ausstellungsraum der Hamburger Frise auf subtile und ebenso ‚leichtfüßige’ Weise.

Gemeinsam ist diesen Arbeiten, dass sie den Blick des Betrachters auf die zwar sichtbaren, in der Regel aber nicht bewusst wahrgenommenen Umgebungsbedingungen lenken. Sie sensibilisieren ihn für das kontextuelle Gefüge, in dem er selbst, gerade aufgrund seiner Mobilität, eine entscheidende Rolle spielt. Durch seine Bewegung verändert sich die Relation zu den anderen Elementen und Personen im Raum ständig – genau genommen ist er beteiligt an der Konstitution des Raums. In seinen Wand-, Decken- und Bodenarbeiten ermöglicht Kintz dem Betrachter seine raumgenerierende Funktion zu erfahren. Nicht nur, weil die Arbeiten in situ sind und das Durchschreiten des Raumes fordern, sondern auch, weil sie in ihrer konzeptionellen raum-zeitlichen Spezifität eine bestimmte Raumsituation schaffen, in die sich der Betrachter begeben muss, sofern er sich mit dem Kunstwerk auseinandersetzen möchte. Diese geschaffene Situation fordert neben der Betrachtung auch die Teilhabe des Rezipienten und zielt dabei auf eine leibliche Selbsterfahrung ab.

Indem die „wand’rin’ star“-Arbeiten von Christian F. Kintz die räumliche Wahrnehmung intensivieren und auf die sichtbaren wie unsichtbaren Aspekte der gegebenen Situation aufmerksam machen, eröffnen sie nicht nur die Möglichkeit ästhetische Erfahrung bewusst zu erfahren, sondern auch sehr grundlegende Fragen an das individuelle ‚In-der-Welt-Sein’ zu stellen.