Dr. Ulrike Schick: Wie köstlich kann doch Farbe sein! Katalog Museum gegenstandsfreier Kunst, Otterndorf 2003

Die Arbeiten von Christian F. Kintz erlauben Farbe sowohl als aufrichtiges Eintelerlebnis wie als sinnliches Raumerlebnis wahrzunehmen. Es sind zwei grundsätzliche Qualitäten, ja fast physische Eigenschaften, die den Bildern inne liegen und deren Erfahren den Betrachter vereinnahmt. Drei verschiedene Formate, die sich nur minimal von einem Quadrat unterscheiden, bergen mehr als 4 Schichten klarer, reiner Farbqualitäten. Immer sind die verwandten Materialien Leinwand und Ölfarbe. Letztere wird jeweils individuell, der Idee des Bildes untergeordnet, angemischt. Der ursprüngliche Malprozess entwickelt sich nicht etwa durch Addition, sondern durch Subtraktion von Malmaterial. Mit einer Rakel, einem Metallband, streicht Kintz die Farbe, mittels Pinsel oder Spachtel auf den Grunde gebracht, ab. Der streng-glatten Fläche verleiht keine „persönliche Handschrift“, kein Pinselduktus eine Textur, die vom Hauptdarsteller Farbe ablenkte. Allein in den großen Formaten entdeckt man eine Fährte, welche die Breite der Rakel setzte, einen zarten Verweis auf Bewegung und unterlegte Farbschicht. Schritt für Schritt, Schicht für Schicht aufgebracht, überziehen und bedecken so die Farben die Leinwand. Keine gleicht der unterlegten in ihrem Tob oder ihrer Helligkeit. Obwohl die Farbaufträge opak, also nicht durchsichtig sind, beeinflusst der Farbgrund das Wesen der Oberfläche, der vollendeten Bilderscheinung. Die genaue abfolge der Malerei entlarvt sich am Rand. Dort, wo die Rakel die Farbschichten abstreifte, quellen sie in ihrer Individualität hervor; geballte Kraft erringt sich ihren Ort. Die verschiedenen Farben ergießen sich zäh in den Raum, werden deutlich in ihrer spezifischen Brillanz und Dichte. Das Bild-Ende, der Rahmen als räumliche Begrenzung, wird in Frage gestellt. Die lesbare Abfolge erzählt eine Geschichte von der Zeit.

Kintz beherrscht die Formate über ihre spezifische Farbigkeit. Das großformatige Gelb zeigt sich ganz selbstverständlich in anderer Gestalt als kleinformatige Verwandte. Das, was vermeintlich einheitliche Oberfläche, sich als Gestalt dem Auge bietet, birgt in sich eine wahre Pracht und Vielfalt von Tönen und Nuancen. Das Bild existiert aus einem Gleichklang vieler Farben, deren Ruf aus der Tiefe hallt. Die scheinbar monochrome Fläche versteht sich als Haut, unter der ein „Farbleben“ in seiner prononcierten Vielfalt pulsiert.

Kintz denkt auch die Hängung als ein Zusammenspiel von Vielfältigkeit. Die Konstellation, das Miteinander, welches das große „Raum-Bild“ entstehen lässt, wird jeweils neu in neuer Umgebung komponiert. So werden Arbeiten im Sinne eines all umfassenden Bildraumes an die Wand gebracht, in der Idee einer Installation. Die Bildwesen verschmelzen in jeweils neuem Miteinander zu einer ersehnten großen Bildgestalt. Der Raum lässt sich in der Komposition des Miteinander nieder; nach der Vollendung spürt man, dass er seinerseits durch das große Bild neu gedeutet wird. Kleinteilige Arbeiten im Miteinander werden zu einem großflächigen Farbgefüge – einzelne großformatige Arbeiten gewinnen im Verband aufblitzende Kräfte eines Farbrausches. Das Gegenüber, Neben- und Untereinander schafft Harmonien oder stößt sich ab und findet letztendlich seinen Einklang im Umfassenden. Man spürt im Gegenüber keine „Angst vor Rot, Gelb oder Blau“, obwohl die Allmacht der Farben in dieser Dichte eine ungeheure Präsenz ausübt. Eine Präsenz, die Grenzen überschreitet, füllt den Raum durch Spiegelungen in der Decke bis zum Boden, bis hin zum gegenüber hängenden Bild, aus. Jede Arbeit entsendet ihren Duft in den Raum, bis dieser vollends gefüllt, mit einem ganz eigenen Parfum erriechbar wird. Es sind die Klarheit, die Ehrlichkeit und Reinheit, mit der die Farben dem Betrachter gegenüberstehen, die keinen Schwindel, keine Vortäuschungen zulassen. Ihre Lesbarkeit am Rande, das Miteinander kleinster Details, welches das Ganze bestimmt. Es sind Farbkosmen, die uns nicht in sich aufsaugen, in denen man sich dennoch freudvoll verlieren kann.

Wir in uns und dem Raum stehen in einem großen Bild, können es beschreiten, erfahren und genießen, können uns eingebettet, sich fühlen in wesenhaften Farbschwingungen, die unter sich und mit uns in kontinuierlichem Dialog und sinnlichem Austausch stehen.

 

 Katalog zur Ausstellung, Studio A Otterndorf, 24. August bis 26. Oktober 2003

 

 

English Version:

Just how exquisite colour can be!

Christian Kintz’s works allow to perceive colour as both honest sole experience and a sensual space experience. It’s two basical qualities, even almost physical ones, that are inherent in the pictures and the experiencing of which takes up the viewer’s time. Three different formats which only differ minimally from a square hold more than 4 layers of clear, pure colour qualities. The materials used always are canvas and oil paint. Each time the latter is being mixed individually, secondary to the idea of the picture. It’s not that the original painting process develops by adding, but by substracting painting material. With a squeegee, a metal band, Kintz wipes off colour that had been applied to the ground by means of a brush or a palette knife. No “personal mark”, no movement of the brush lends a texture to the strictly smooth surface, which might distract from colour, the leading actor. Only in large formats one discovers tracks, set by the squeegee’s width, a gentle reference to movement and the coat of paint underneath. Applied step by step, layer by layer, colours coat and cover the canvas. Not one equals the one underneath in tis shade or its brightness. Even though those coats of paint are opaque, and therefore not transparent, the colour ground influences the nature of the surface, the accomplished picture appearance. The painting’s exact sequence reveals itself on the sides. Where the squeegee wiped off coats of paint they pour out in their individuality; concentrated power wins itself its place. Different colours glutinously pour forth into space, become distinct in their specific brilliance and density. The picture’s end, the frame as spatial boundary, is being questioned. The readable sequence tells a story about time.

Kintz masters formats via their specific coulourfulness. Quite naturally the large-format yellow presents itself in a different shape than his small-size relative. What, as a supposedly uniform surface, offers itself as a shape to the eye, holds something really marvellous, a great variety of shades and nuances. The picture exists out of a harmony of many colours whose call reverberates from the depth. The seemingly monochrome surface sees itself as skin beneath which a “colourful life” pulsates in its pronounced diversity. Kintz also thinks the hanging as an interplay of variety. Each time, the constellation, the cooperation which brings about the large “space picture” is being composed anew in new surroundings. Thus the works are brought onto the wall in the sense of an all-embracing picture space, as the idea of an installation. The picture creates melt – each time within a new cooperation – together towards a large and longed for picture-shape. Space settles down in the cooperation’s composition; after completion one feels that it is, on its part, being interpreted anew by the large picture. Small works in their cooperation turn into a large colour structure – single large-format works in association win flashing powers of a blaze of colours. What’s opposite, what’s side by side, and what’s below the other creates harmonies or repels itself, and finds its own harmony in the embracing in the end. With what’s opposite one isn’t “afraid of red, yellow, or blue”, even though the omnipotence of colours in this density exerts an enormous presence. A presence which crosses borders, fills with its perfume of its own – it can be smelled out. It is the clearness, the truthfulness and purity with which colour face the viewer, which do not allow swindle, or faking. Their readability on the sides, the cooperation of smallest details which defines the whole. It’s one colour cosmos after the other which do not soak us in, where one, happily, can get lost all the same.

We stand – within us and within the room – inside a large picture, we can walk in it, experience and enjoy it, embedded we can feel secure within intrinsic colour oscillations which find themselves – among each other, and with us – in a continuous dialogue and sensual exchange.

 

Catalogue to the exhibition at Studio A Otterndorf, 24. August to 26. October 2003