Belinda Grace Gardner: Rede zu "Neue Arbeiten", Kunstempore Sparkasse Stade-Altes Land 2008

Seit einigen Jahren erlebt die Malerei in Deutschland bekanntlich einen regelrechten Boom. Insbesondere die figürliche Spielart der Malerei – Stichwort: Leipziger Schule - erfreut sich großer Beliebtheit auf Messen und bei Sammlern im Ausland. Die Fülle von malenden „Geschichtenerzählern“, die auf den Markt drängen, hat aber auch zu einem Erschöpfungszustand geführt: Etwas ermattet blickt man mittlerweile auf die zigfachen Aufgüsse undurchsichtiger Szenen à la Neo Rauch oder Daniel Richter, wo seltsame Gestalten in mysteriöser Umgebung absurden Geschäften nachgehen.Oder auf Bilder, in denen die zweite Realität unserer flirrenden Medienwelt in Endlosschleifen ihre Runden dreht.
 
Ganz anderen Wegen folgt der 1968 in Freiburg geborene, schon länger in Hamburg lebende und arbeitende Maler Christian F. Kintz, dessen Ausstellung heute Abend in Stade eröffnet wird. Seine Arbeiten sind – wie schon auf den ersten Blick zu erkennen ist – weder gegenständlich noch konfrontieren sie die Betrachter mit erzählerischen Hinweisen. Vielmehr bewegt sich Kintz in ästhetischer Nähe zu einer aktuellen Strömung in der Kunst, die sich parallel – und durchaus im Kontrast - zur inhaltlich aufgeladenen Malerei der jüngeren Zeit entwickelt hat. Und formale Stringenz sowie eine Auseinandersetzung mit den abstrakten Tendenzen der klassischen Moderne und nachmodernen Positionen seit den 1950er Jahren in den Mittelpunkt stellt. Doch auch hier nimmt Christian F. Kintz eine sehr eigene Haltung ein – eine Haltung, die unabhängig ist von einer „modischen“ Beschäftigung mit Formalismen und deren Oberflächenreize. Der Begriff „gegenstandslos“, mit dem man eine von figurativen Elementen freie Malerei gängigerweise belegt, greift ebenfalls nur bedingt bei seinen energetisch pulsierenden bis sanft leuchtenden Bildwerken. Denn der „Gegenstand“ des Hamburger Künstlers ist zum einen ganz zentral die Farbe und zum anderen der Raum in seinen unterschiedlichen Funktionen. Letzterer kommt nicht nur „binnenstrukturell“, das heißt, als innerbildliche Dimension zum Tragen. Sondern auch als Aktionsterrain, in dem Kintz die einzelnen Bilder zu dynamischen Gruppen, Gegenüberstellungen und Reihungen arrangiert, die in ihrer anmutigen Virtuosität an Gestalt gewordene musikalische Partituren denken lassen. Oder an Ein- und Ausblicke in Kraftfelder, die ihre Energie aus dem wechselnden Zusammenspiel der unterschiedlichen Farben und Bildformate beziehen.
 
Fragt man den Maler, der sein Kunststudium in Freiburg und Hamburg absolviert hat, wo er selbst Einflüsse auf seinen Werdegang sieht, nennt er interessanterweise als frühe Inspirationsquelle den großen Vorreiter des amerikanischen Abstrakten Expressionismus, Willem de Kooning, dessen zunehmende Auflösung der Figur zugunsten eines freien, expressiven Malduktus ab den 1950er Jahren stilprägende Wirkung hatte. Die erste „Live“-Begegnung mit de Koonings Werken bei einer Ausstellung in New York löste bei Christian F. Kintz Begeisterung aus. Auch wenn sich die Arbeiten des Hamburger Künstlers von jener ausladenden Vehemenz des Abstrakten Expressionismus längst weit entfernt haben, entdecken wir – bei näherer Betrachtung – in ihnen ein ungezähmtes, man möchte fast sagen „wildes“ Moment, das gewissermaßen durch die „Hintertür“ der Bildränder in die matt schimmernde Sphäre ebenmäßiger Farbverteilung einbricht. Und sich als in die Malerei selbst eingeschriebene Information auch hinter beziehungsweise unterhalb der „geordneten“ Erscheinung abspielt.
 
Im Laufe der Zeit, so Kintz, habe er Bild für Bild immer mehr an gestischem Duktus in seiner Malerei weggelassen – bis er zur Auseinandersetzung mit übereinanderliegenden Farbflächen vorgedrungen war: seine Praxis der Bildgestaltung bis heute. Der Künstler verwendet grundsätzlich selbst gemischte, deckende Ölfarben in seiner Malerei. Die verführerischen Farbnuancen, die von strahlenden Bonbon-Tönen zu gebrochenen Pastellschattierungen reichen, manifestieren sich als oberste „Haut“ sich mehrfach überlagernder, glatt aufgespachtelter Farbschichten. Wie viel farbliche Dynamik in einer augenscheinlich monochromen Malerei steckt, offenbart sich an den Rändern, die im Gegensatz zur Ebenmäßigkeit der Bild flächen geradezu ungestüm wirken. An ihren Peripherien wirken die grundsätzlich im Verhältnis sieben zu acht formatierten Werke überraschend unregelmäßig, rau, fast ausgefranst. Von seitlicher Perspektive aus betrachtet, werden die dickflüssig hervorquellenden Farben sichtbar, die – wie unsichtbares pflanzliches Wachstum im Erdboden oder unter einer Decke aus winterlichem Schnee – im Verborgenen ihre mehrspurige Pracht entfalten. Dieser Umgang mit den Randzonen der Bilder, in denen die konstituierenden Kräfte – wenn man so will – des Gesamteindrucks sichtbar werden, erinnert ein wenig an die objekthaften, sogenannten „Sandwich“-Bilder des bekannten Düsseldorfer Beuys-Schülers Imi Knoebel. Letztere setzen sich ebenfalls aus mehrfarbigen Schichten unterhalb der Bildfläche zusammen, die erst an den Rändern optisch zum Zuge kommen. Die Brüche, die Christian F. Kintz gezielt in seine Malerei einbaut, unterlaufen eine streng minimalistische künstlerische Vorgehensweise. Die von Kasimir Malewitsch, dem großen Erfinder der Ikone der Moderne - des „schwarzen Quadrats“, angestrebte Befreiung der Kunst von dem „Ballast des Gegenständlichen“ ist dennoch bei Kintz weiterhin virulent.  Ebenso wie Malewitschs Raumbegriff als „Behälter ohne Maß“.
 
Ausgehend von dieser ästhetischen Freifläche sprengt der Hamburger Künstler immer wieder die Grenzen der von ihm selbst gesetzten, durchweg abstrakten „Rahmenhandlungen“ seiner Malerei. Besonders auf die Spitze treibt er dies in einer Gruppe von neueren Arbeiten, in denen er das Bild, die Bilder, auf mehrfarbig gestaltete Ränder reduziert. Wir sehen hier – als beinah skulpturale Zeichen an der Wand – über-
und nebeneinandergereihte Farbbänder, die den Anschein erwecken, als befinde sich die dazugehörige Leinwand jeweils hinter den Kulissen, sozusagen in der Wand. Wie Teststreifen fürs Auge oder geheimnisvolle Farbcodes rücken diese plastischen malerischen Kondensate – der Künstler spricht selbst von „Farbwasserfällen“ - den Blick auf ebenjene Randgebiete der Malerei, auf die sonst die Aufmerksamkeit nur beiläufig gerichtet ist. Die Einfassung, der Saum des Bildes wird zum zentralen Ereignis, zu einer „Zone der Dringlichkeit“, um eine auf heutige Großstädte gemünzte Formulierung bei der 50. Venedig-Biennale 2003 zurück zu greifen. Wieder ist die mehrfache Schichtung, die Gleichzeitigkeit der farblichen Äußerungen ein Thema, das sich hier allerdings auf einen buchstäblich „schmalen Grat“ konzentriert.
 
Flächiger manifestiert sich dieses Verfahren in zwei weiteren Gruppen von Arbeiten aus jüngerer Zeit, in denen Kintz kompositorische Prinzipien seiner Gemälde auf die Medien der Fotografie und des Siebdrucks übertragen hat. Die seit 2007 entstehenden Fotoexponate gehen zurück auf das aus unzähligen kleinen bemalten Tafeln bestehende Farbarchiv des Künstlers. Ausgewählte Farbtafeln, die mit leichter Verschiebung übereinander gelegt werden, hat er mitfixierter Reprokamera aufgenommen und mittels Mehrfachbelichtung als Gesamtbild einander überlappender Schichten festgehalten. Durch direkte Vergrößerung des fotografischen Negativs – es findet ohne Positiv-Umwandlung Verwendung - ergeben sich überraschende Farbeffekte, die zu einer weiteren Verfremdung der malerischen Vorlagen führen. Die auf Acrylglas gezogenen Fotokompositionen haben eine durchscheinende, zarte, fast ephemere Qualität, die einerseits Kintz’ malerischem Ansatz verpflichtet ist, an dererseits aber dessen Radius um eine „lichtspielerische“ Komponente erweitert.
 
Auf etwas andere Weise gilt das ebenfalls für die Siebdruckarbeiten, die der Künstler zwischen 2006 und 2007 produziert hat. In diesem Fall ergibt sich die Schichtung der
nicht ganz quadratischen Felder in den Bildern aus dem Übereinanderdrucken mehrerer Farben, wobei beispielsweise der satt schimmernde braune Hauptton einer Arbeit aus einer Akkumulation von Orange-, Blau- und Rotabstufungen hervorgehenkann.
Christian F. Kintz hat seine Malerei unter anderem bereits im Museum gegenstandsfreier Kunst in Otterndorf ausgestellt, in dessen hochkarätiger Sammlung er neben namhaften Klassikern der abstrakten Kunst wie Hans Arp, Max Bill, Sol LeWitt und James Turrell vertreten ist. Gemeinsam mit jüngeren internationalen Positionen der gegenstandslosen Kunst – darunter Liam Gillick, Wade Guyton, Sarah Morris, Tobias Rehberger und Heimo Zobernig - hat der Künstler unlängst an der Schau „Ordnung und Verführung“ im Züricher Haus Konstruktiv - Stiftung für konstruktive und konkrete Kunst teilgenommen.
 
In der Sparkasse Stade-Altes Land, deren Sammlung im übrigen ebenfalls über eine Gruppe von Arbeiten des Künstlers verfügt, zeigt Christian F. Kintz nun erstmals die Bandbreite seines Schaffens, das – wie wir heute Abend erleben können – neben Malerei auch Fotografie und Druckgrafik umfasst. Seine Kompositionen nehmen die Betrachter stets mit in eine vielschichtige Welt der Farbe, mittels derer er die Weite und die Tiefe der Bild-Räume diesseits und jenseits der Malerei immer wieder aufs Neue auslotet und freisetzt.